Die Lindenberger Freitaste - Notizen über den Eisenbahnerhorizont hinaus
 

LF3 - Berlin!

Ich bin kein Berliner. Weder mit amerikanischem Akzent, noch in der Einheimischensprache. Aber ich habe dort familiäre Wurzeln, denn mein Vater und auch mein Großvater stammen aus Karlshorst. Allerdings wurde unsere Familie durch den Krieg getrennt, wobei aber ein Teil der Verwandtschaft in Berlin verblieb und auch heute dort noch ansässig ist. Dieser Umstand hat insofern auch etwas mit Eisenbahn zu tun, als dass es für einen westdeutschen Schüler, der sich in den 1970er Jahren für ostdeutsche Eisenbahn interessierte, schon von Vorteil war, wenn es dort Verwandtschaft gab. Neben zwei Großtanten im Thüringischen und einem Onkel in Burg bei Magdeburg zählte dazu meine gute Tante Charlotte, geborene Schulze und genannt Lotti, die im Reichsbahnausbesserungswerk Schöneweide als Assistentin beim dortigen Betriebszahnarzt werktätigte und demzufolge in der DDR als Eisenbahnerin galt. Da sie obendrein Lokomotivführertochter war - Vater Schulze fuhr vom Bw Rummelsburg auf 93ern rund um den Funkturm - stand ihr dieser Titel sowieso zu. Tante Lotti bewohnte selbstredend eine kleine, bescheidene Eisenbahnerwohnung, und zwar im Stadtteil Johannistal, die Anschrift lautete völlig unpolitisch, dafür aber standesgemäß „Friedrich-List-Straße 2“. Küchen- und Klofenster lagen nicht zur Straßenseite, sondern in südlicher Richtung auf einige schöne Gärten hinaus, hinter denen die viel befahrene Strecke Schöneweide – Baumschulenweg verlief. Selten verging eine Sitzung, während der nicht mindestens 10 S-Bahnzüge und drei 52er vorbeifuhren. An meine ersten Begegnungen mit der Eisenbahn in Berlin kann ich mich nur noch vage erinnern, sie müssen vor 1970 stattgefunden haben, denn erst von diesem Jahr an wurde jede Dampfloksichtung akribisch in einem Notizbuch festgehalten. Ein, zweimal im Jahr nahmen mich die Eltern seinerzeit zu einem Tagesbesuch nach Berlin mit, und meinen Vater zog dabei stets in die Gegend um Erkner, mit welcher ihn zahlreiche Jugenderinnerungen verbanden. Dort trafen wir die Baureihe 65.10 an, von der sich drei Dinge in meinem Gedächtnis festhalten konnten: Die Loks waren potthässlich, wirkten ziemlich abgewirtschaftet und waren stets mit der Rauchkammerseite an den Zug angekuppelt. Außer Erkner, was ja genau genommen schon außerhalb Berlins lag und bei Tagesbesuchen offiziell gar nicht aufgesucht werden durfte, stand bei jedem Besuch eine S-Bahnfahrt in die Innenstadt auf dem Programm. Dampfloks, wohin das Auge nur reichte, und ausschließlich große Maschinen, wenn man die 52er, von denen es nur so wimmelte, dieser Klasse zurechnen darf. Mein Vater, der keine Schwierigkeiten haben wollte, duldete es dabei leider nicht, einen Fotoapparat mitzuführen. Folglich nahm ich mir verbindlich vor, mich eines Tages ohne elterliche Aufsicht in die Hauptstadt der DDR zu begeben. Aufgrund anderweitiger, aber ebenfalls diesbezüglicher „Verpflichtungen“ auf dem Gebiet der Deutschen Bundesbahn, sowie dem seinerzeit auch mir anhaftendem Unvermögen, sich vorstellen zu können, dass sich in der DDR jemals etwas, in welche Richtung auch immer, ändern könnte, sollten doch noch ein paar Jahre ins Land gehen, bevor ich als Eisenbahnfreund in Berlin aktiv wurde. Wenn ich, was häufiger vorkam, ein Einreisevisum in die DDR besaß, vermied ich den Aufenthalt in Berlin (Ost), da ich ja das Privileg besaß, mich außerhalb der Stadtgrenze – in diesen Fällen jedoch nicht in Berlin (West)- aufzuhalten. Ausgerechnet eine Klassenfahrt führte mich schließlich in die Hauptstadt des gleichnamigen Feindes, und diese Klassenfahrt sollte für mich auch noch ein jähes Ende nehmen. Besagte Klassenfahrt nach Berlin fand vom 10. bis 16. Februar 1975 statt, und leider nicht mit der Bahn, sondern mit einem Reisebus. Ein in diesem Jahr von der SPD durchgeboxtes Gesetz, durch das die Volljährigkeit von 21 auf 18 Jahre herabgesetzt wurde, nutzte uns überwiegend noch 17jährige Pennäler wenig, also mussten wir uns noch brav unter dem schützenden Gefieder unserer Klassenklucke aufhalten. Dennoch gelangen mir zwei Fluchtversuche. Der erste am 12. Februar, einem neblig trüben und schneelosen Mittwoch. Es war der obligatorische Ost-Berlin-Tag unseres Ausflugs, ohne den es für die Schule keine finanzielle Unterstützung des Bundesverbandes für politische Bildung gegeben hätte. Ich wagte einen Abstecher mit der S-Bahn vom Bahnhof Alexanderplatz nach Karlshorst und sichtete dabei innerhalb anderthalb Stunden die Lokomotiven 01 2016-2, 01 2050-1, 01 2084-0, 03 2236-2, 35 1032-8, 52 1201-4 und 52 1342-6. Von letzterer gelang mir schließlich meine Debütaufnahme in Berlin. Kein glanzvolles Foto, aber immerhin ein Bild, welches nur ein Steinwurf von Vaters Geburtshaus entfernt aufgenommen wurde. Der folgende Fluchtversuch fand am Folgetag statt und sollte demzufolge weitere Folgen haben. Ich missachtete das Verbot, die Jugendherberge in Wedding zur Sperrstunde, welche von 22-8 Uhr angesetzt war, zu verlassen und machte mich des Morgens gegen 5 Uhr auf den Fußweg zum Bahnhof Zoo, wo die 03 0010-3 vom Bw Stralsund den D 1321 „Meridian“ nach Malmö bespannt hatte. Obwohl ich pünktlich zum Frühstück wieder in der Herberge war, verfügte die Klucke nach telefonischer Rücksprache mit dem Elternhaus meine vorzeitige Abreise am Freitag, dem 14. Februar, und zwar mit der Bahn! Ich nahm diese Disziplinarbuße, wie einige weitere, die mich im Laufe des Lebens treffen sollten, mit Anstand, zumal am 15. Februar eine Sonderfahrt mit der letzten P8 der Deutschen Bundesbahn, der 038 772-0 von Hannover nach Soltau (Han), und am 16. Februar eine selbige mit der 64 289 von Hildesheim nach Altenau (Obh.) angesetzt war. Beide Fahrten wären mir im Falle einer Kulanz der Klucke ebenso durch die Lappen gegangen, wie der 1600 Tonnen schwere Militärzug, den die 044 599-9 am Sonntagvormittag ohne Vorspann- und Schiebelok von Osterode (Harz) nach Herzberg zu befördern hatte. Es sollte sich zum wiederholten Mal gezeigt haben, dass es für mich letztlich nur Sinn machte, ohne jegliche Aufsichts- und Überwachungspersonale auf weitere Erkundungsreisen nach Berlin zu gehen. Derer gab es in den folgenden Jahren bis 1977 mehrere, welche jedoch allesamt ebenso der Pflege der Verwandtschaft, wie der Eisenbahn gewidmet waren. Schließlich besaß Vetter Manfred in Neu-Venedig, nahe der S-Bahnstation Wilhelmshagen eine nette Laube mit Bootssteg, in der es sich gut verweilen ließ. Und wenn in Hörweite ein mit Baureihe 03 bespannter Schnellzug nach Frankfurt (Oder) lautstark vorbeiraste, mundete das Pilsator besonders gut. Mittlerweile hat die Dampflok in und um Berlin längst ihren planmäßigen Dienst quittiert, und die gute Tante Lotti hab der Herrgott selig. Die Laube in Neu-Venedig hat hingegen die Zeiten gut überstanden, und Manfred hat immer noch ein Berliner Bier, welches mittlerweile aber nicht mehr Pilsator, sondern nur noch Pils heißt, parat. Ein Teil der in Berlin erlebten Eisenbahn ist in seitenweise Notizen und vielen wertvollen Dias archiviert, manche verblasste Erinnerungen werden durch den Lokomotivführerberuf, der mich immer wieder nach Berlin leitet, wieder aufgewärmt. Berlin war, ist und bleibt eben auch eine Eisenbahn-Hauptstadt.