Die Lindenberger Freitaste - Notizen über den Eisenbahnerhorizont hinaus
 

LF3 - Wie steht's um unsere Vorbilder?

Alle paar Jahre wird in unserem Land eine Werte- und Leitbilddiskussion losgetreten. Meistens sind es stockkonservative Kräfte, die offensichtlich aus Sorge um den Verlust ihrer ureigenen Wertevorstellungen - außer bei sich selbst - diese öffentlichen Auseinandersetzungen initiieren. Es sei den Traditionalisten gestattet, derartige Diskussionen anzustoßen, schließlich hat jedermann das Recht – im Zweifelsfall sogar die Pflicht - drohende Verluste abzuwenden. Allerdings kann man sich des Eindrucks kaum erwehren, dass die Konservativen hinsichtlich der Wertebestimmungen einen Alleinvertretungsanspruch erheben, wogegen es die progressiven, also fortschrittlichen Kräfte offenbar jedem Einzelnen selbst zu überlassen gedenken, eigene Wertevorstellungen zu entwickeln.

Das Interesse der Allgemeinheit scheint an all dem aber eher gering zu sein, sie beteiligt sich nur mäßig an Wertediskussionen und schluckt stattdessen lieber vorgekautes Fressen, will heißen, gibt sich leichtfertig mit fremdbestimmten Lösungen zufrieden. Man vergöttert Idole, geht stets mit der Mode und lässt sich auch sonst von nahezu jedem Trend leiten. Doch woran mag es liegen, dass die Leute so einfach zu derartigen Hilfskrücken greifen, anstatt sich an Werten zu orientieren, deren Leitbildfunktion keinerlei Zeitgeist unterworfen ist? Eine Antwort darauf lässt sich möglicherweise aus einem Aufsatz von Hans Eichel ableiten, der unlängst in einer überregionalen Wochenzeitschrift abgedruckt war.

Der ehemalige Bundesfinanzminister erarbeitete darin unter Berufung auf den schottischen Wirtschaftsforscher Adam Smith (1723-1790) heraus, dass für den neuzeitlichen Menschen neben der Befriedigung seiner Grundbedürfnisse Nahrung, Kleidung, Wohnung, Bildung und Liebe im Wesentlichen drei Dinge wichtig seien, nämlich Geld, Anerkennung sowie Gestaltungsmöglichkeiten. Die Aufzählung dieser Kriterien erfolgte offenbar in Reihenfolge ihrer angenommenen Gewichtung, denn Vieles spricht dafür, dass Gestaltungsmöglichkeiten für den modernen Menschen weitaus weniger Bedeutung hat, als Geld und Anerkennung. An dieser Feststellung ändert auch die landläufige Auffassung nichts, dass sich mit Geld viel mehr gestalten ließe, als ohne Binunse. Diese Ansicht trügt, denn der Unterschied liegt darin, dass Gestaltung durch Geldeinsatz weitgehend ohne Werteorientierung auskommt, wogegen eine werteorientierte Gestaltung kaum einen nennenswerten Einsatz von Geld benötigt. Letztere dürfte Paul Smith aber gemeint haben, und es liegt nahe, dass ein kausaler Zusammenhang zwischen Bewahrung und Verfall von Werten auf der einen, sowie der Prioritätensetzung der Menschen hinsichtlich der von Smith erforschten Kriterien auf der anderen Seite besteht.

Damit kein falscher Verdacht aufkommt, wir reden hier weniger von den mit Menschenhand geschaffenen, als vielmehr von den gottgegebenen Werten. Gemeint sind jene ethisch-moralische Orientierungslinien, die verhindern sollen, dass das Wohl des Menschen dem Wohl der Menschheit entgegensteht. Sie sind Bestandteil der Schöpfung und dienen ihrer Bewahrung. Um sie nicht verfallen zu lassen, bedarf es Vorbilder, die es verstehen, Werte zu „verkörpern“. Persönlichkeiten also, bei denen es nicht auf Geschlecht, Alter, Hautfarbe, Herkunft, religiöse Ausrichtung oder gesellschaftliche Stellung ankommt, sondern auf das permanente Bewusstsein, dass unser irdisches Dasein zeitlich begrenzt ist und es sich bei Allem, was uns dabei anvertraut wird, um Leihgaben handelt, zu deren Weitergabe an die nachfolgenden Generationen wir moralisch verpflichtet sind. Das Befolgen dieser Auflage ist allerdings keine Frage von Geld und Anerkennung, sondern einzig eine Frage werteorientierter Mitgestaltung unserer Gesellschaft. Gute Vorbilder leben das vor.

Dass als erstes - nach wissenschaftlichen Erkenntnissen sogar schon vom ungeborenen Leben wahrnehmbare - Vorbild die leibliche Mutter in Erscheinung tritt, dürfte der gottgegebene Wert schlechthin sein. Wir sollten uns davor hüten, jenes Phänomen auch noch zum Gegenstand unsäglicher Diskussionen über das Rollenverständnis von Mann und Frau emporzuheben, denn mit der Verleihung dieser einzigartigen Vorbildfunktion hat die Natur der Mutter eine Wertschätzung entgegengebracht, die durch keine Quote übertrumpfbar ist. Die Vorbildfunktion der Mutter gegenüber dem leiblichen Kind steht in vielerlei Hinsicht als Sinnbild für alle weiteren Werte und Wertschätzungen, weil sie von selbstloser Hingabe geprägt ist und beweist, dass eine Orientierung an Vorbildern insbesondere – aber nicht nur – während der Entwicklungsphasen eines jeden Menschen lebensnotwendig ist. Da jeder von uns einmal leibliches Kind war, sollte es uns doch eigentlich mit in die Wiege gelegt worden sein, die erfahrene Mutterliebe im späteren Leben, indem wir gute Vorbilder werden, mit Zinsen und Zinseszinsen heimzuzahlen. Was jedoch, wie wir alle wissen, nicht immer der Fall ist.

Fakt ist aber, dass sich die eigene Vorbildfunktion, ob gewollt oder nicht, bewusst oder unbewusst, im Guten wie im Bösen, ab einem bestimmten Alter der instinktiven Orientierung an anderen Vorbildern hinzugesellt. Jeder Mensch demonstriert dabei auf ganz persönliche und individuelle Art die Verkörperung, oder aber die Verdrängung von Werten. Es liegt demnach an uns selbst, ob wir bereit und gewillt sind, Werte zu erhalten, neu zu definieren, oder gar verfallen zu lassen. Erhalt, Neudefinition und Verfall von Werten steht und fällt mit der Ausübung unserer Vorbildfunktion, was wiederum, wie bereits dargelegt, eine Frage der Prioritätensetzung der Smith`schen Kriterien ist. Wenn Eichel dazu konstatiert, dass die Wahrnehmung von Gestaltungsmöglichkeiten hinter der Gier nach Geld und dem Hang zur Profilneurose abgeschlagen auf Platz 3 gelandet ist, dürfte mit dieser Schlussfolgerung eine mögliche Erklärung des Werteverfalls in unserer Gesellschaft gefunden worden sein.

Es würde nun freilich sowohl den Rahmen der Lindenberger Freitaste, als auch der Auffassungsgabe seines Herausgebers sprengen, eine Aufzählung einschlägiger Werte vorzunehmen. Manche sagen, sie wären in den 10 Geboten umfänglich dargestellt. Drei von ihnen sollen dennoch an dieser Stelle im Kontext hervorgehoben werden: der Glaube, die Nächstenliebe und die Staatsräson. Sie bestimmen nämlich unser Verhältnis zur Allmacht der Natur, zu unseren Mitmenschen sowie zu jenem politischen Gebilde ohne dessen Existenz seine Bürger nicht existieren könnten. Dem Glauben dürfte dabei die wichtigste Bedeutung zukommen, und zwar aus folgendem Grund:

Der Mensch neigte und neigt immer wieder zu der Annahme, dass er aus seiner vermeintlich exponierten Stellung als „homo sapiens“ gegenüber allen anderen, ihm untergeordneten Kreaturen ableiten könne, diese herausragende Position sei ihm auch weit darüber hinaus zugeordnet worden. Das ist definitiv ein Irrglaube, wogegen der Glaube nichts anderes darstellt, als den Respekt vor einer überirdischen Instanz, deren Macht wir zu erfassen nicht ansatzweise in der Lage sind und auch nie und nimmer sein werden. Es spielt dabei keine Rolle, ob wir diese Macht als Natur, oder im übertragenen Sinn als Gott bezeichnen. Wem die Bibel zu heilig ist, braucht nur die Begriffe „Gott“ und „Natur“ gegeneinander austauschen, aus der Heiligen Schrift würde dadurch im Handumdrehen eine soziologisch-naturwissenschaftliche Abhandlung, die selbst unter Atheisten unumstritten sein dürfte. Die Nächstenliebe wiederum, dem Glauben untergeordnet, bedeutet nichts anderes, als empfangene Mutterliebe weiterzugeben. Nächstenliebe setzt sich auf ganz natürliche - in religiösem Sinne göttliche - Weise in der Voranstellung des Allgemeinwohls gegenüber dem Eigenwohl fort. Unabdingbare Voraussetzung dafür ist allerdings eine staatliche Garantie für das Allgemeinwohl. Wird diese Garantie erfüllt, und üben seine gewählten Repräsentanten eine gute Vorbildfunktion aus, darf der Staat seinerseits die Räson seiner Bürger verlangen. Aber eben nur dann.

Die eingangs erwähnten, immer wieder losgetretenen Werte- und Leitbilddiskussionen werfen demzufolge auch die Frage auf, wer denn hinsichtlich des immer wieder beklagten Verfalls von Werten nun der eigentliche Bösewicht ist. Liegt die Schuld eher beim Staat, oder vielmehr bei seinen Bürgerinnen und Bürgern? Auch wenn man es nicht wahrhaben will, aber ausgerechnet die eigene Geschichte hat uns doch gelehrt, dass diese Schuld nur im totalitären System der Staat trägt. In der Demokratie liegt sie eindeutig bei ihrer staatstragenden Gesellschaft, also im konkreten Fall bei jedem von uns. Je mehr Werte wir selbst in Verlust geraten lassen, desto eher gerät unsere gesamte Gesellschaft auf Abwege.

Werte haben im Übrigen ein unverwechselbares Aushängeschild, nämlich die Kultur, wobei mit Kultur nicht nur Elbphilharmonie und Pergamonmuseum gemeint sind, sondern alle ihre bis in die hintersten Lebensnischen hineinreichenden Facetten, die Rede-, Streit, Ess- und Reisekultur ebenso, wie die Bau- und Innenarchitektur, mithin sogar die Ausgestaltung unserer Tagespolitik. Wo Werte erhalten oder neu definiert werden, herrscht Kultur. Der Umkehrschluss ist zulässig.

Der empfindlichste aller Werteverluste innerhalb unserer Gesellschaft, nämlich das permanente Voranstellen persönlicher Interessen vor das Allgemeinwohl, hat, wie wir alle wissen, längst zu ernsthaften Beeinträchtigungen des öffentlichen Lebens geführt. Die nach 1990 unter der Regierung Kohl eingeleitete, und vom Volk sowie der SPD anfänglich mit großem Beifall versehene Privatisierung von Bahn, Post, Kliniken, Theatern, Energie- und Versorgungsbetriebe sowie weiterer volkseigener Einrichtungen hat zu nichts anderem geführt, als zu der jetzt brandaktuellen Schuldenkrise. Weder sind die öffentlichen Haushalte saniert, noch die verscherbelten Unternehmen auf Erfolgskurs gebracht worden. Hingegen sind Unmengen von Geld in die Taschen profitgieriger Managerinnen und Manager geflossen, die ihrerseits den Staat in den Griff genommen, aber nicht bekommen haben. Die Frankfurter Rundschau spricht von einer „Krise der Reichen“.

Das schlimme daran: diese Elite übt instinktiv Vorbildfunktionen aus und findet ihre Nachahmer in allen Schichten unserer Gesellschaft. Dem soziologischen Grundsatz folgend, wonach Vorbildfunktion in der Regel von oben nach unten ausgeübt wird, suggeriert das Einsacken millionenschwerer Abfindungen durch geschasste, mithin straffällig gewordener Manager manchen Arbeitslosen gleichsam instinktiv, dass sie etwa bei Hartz IV auch ruhig ein wenig „privatisieren“ können. Die alte Weisheit, wonach man im Leben viel einstecken muss, hat auch für diese soziale Schicht mittlerweile eine völlig neue Bedeutung erhalten. Sie ist ihr schlichtweg vorgelebt worden, und die Courage, sich grundsätzlich von derartigem Beschiss zu distanzieren, ist offenbar nur bei wenigen Menschen ausgeprägt. Doch wer stellt sich die Frage, wie unsere nachfolgende Generation all diese Schäden wieder glattziehen soll?

Fazit: Es gibt eine bindende Wechselwirkung zwischen Erhalt, Neudefinition oder Verfall von Werten auf der einen, sowie dem Wert unserer Vor- und Leitbilder auf der anderen Seite. Nur mit guten Vorbildern wird der Erhalt beziehungsweise eine Neudefinition von Werten möglich sein, und nur eine werteorientierte Gesellschaft wird in der Lage sein, ausreichend gute Vorbilder hervorzubringen. Wir brauchen also eine „konzertierte Aktion“, bei der niemand auf den Startschuss des anderen warten darf, sondern jedermann die eigene Werteorientierung als erste Bürgerpflicht einordnen sollte. Dass der gesellschaftlichen Elite dabei eine herausragende Aufgabe zukommt, scheint dieser Klientel offenbar nicht umfänglich bewusst zu sein. Sie scheint nicht begreifen zu können, dass Privilegien (für sie) zwar nicht ganz wert-, gesellschaftlich hingegen völlig „wertelos“ sind.

Wie steht´s denn nun um unsere Vorbilder? Ich denke, um unsere Vorbilder steht es nicht schlechter, aber eben auch nicht besser, als um unsere gesellschaftlichen Werte insgesamt. Deren weiteren Verfall aufzuhalten, sollte für alle Menschen, die ein gutes Vorbild abzugeben gewillt sind, zu ihren vornehmsten Zielen gehören. Gute Vorbilder wollen und gute Vorbilder sollten nicht kopiert werden. Sie verwahren sich dagegen, als Idol oder Ikone missbraucht zu werden. Sich an ihren Wertevorstellungen zu orientieren genügt allemal, selbst ein gutes Vorbild zu werden. Worauf warten wir?