Die Lindenberger Freitaste - Notizen über den Eisenbahnerhorizont hinaus
 

Nachgedacht

LF3 - Gottes gelbe Karten

Gerne klopft sich der neuzeitliche Mensch auf die Schulter, wenn es um die Feststellung geht, dass Krisen und Katastrophen keine Erfindungen, bzw. keine Erscheinungen seiner Zeit sind. Und weil er noch eine zweite Schulter zum Draufklopfen hat, muss die für den Ruhm herhalten, den er mit all jenen modernen Errungenschaften erworben zu haben meint, die ihm das Leben heutzutage so angenehm bequem machen. Wie haben sie dafür alle gemeinsam an einem Strang gezogen: Die Wirtschaft hat ihr System dahingehend umgestellt, dass nicht mehr die Nachfrage das Angebot, sondern das Angebot die Nachfrage bestimmt, die Politik hat dafür gesorgt, dass sich niemand mehr in sie einmischen muss, die Gewerkschaften haben dafür gekämpft, dass die Leute für immer weniger Arbeiten immer mehr Kohle bekommen und die Kirche hat zwar nicht alles, aber manches davon (ab)gesegnet. ...mehr

LF2 - Ist Sparen Sünde?

Kann denn Sparen Sünde sein? In öffentlichen wie nichtöffentlichen Diskussionen ist Sparen stets in aller Munde. Von „Sparkurs“ ist da die Rede, von „Sparmaßnahmen“ und vom „Sparen am falschen Ende“. Doch Sparen scheint in den Augen der Leute nix Gutes zu bedeuten. Obwohl sofort losgerannt wird, wenn Budni oder Kloppi das Konsumvolk mit Billigangeboten in ihre Läden lockt. Dorthin zu rennen hätten sich die meisten jedoch sparen können, denn sie haben den gravierenden Unterschied zwischen rationalem und gefühltem Sparen verkannt. Meine Oma hat immer gesagt, sie könne sich Billiges nicht leisten. Sie bestellte nichts bei Queckermann und nichts bei Nelle, sie sparte sich einfach reich. ...mehr

LF1 - Der November

Die zwölf Monate unseres Kalenderjahres genießen bei den meisten Menschen sehr unterschiedliche Sympathien. Sofern es sich bei ihnen um Hochseefischer, Friedhofsgärtner oder Gleisbauarbeiter handelt, also um Leute, die berufsbedingt direkt der Witterung ausgesetzt sind, ist das für mich durchaus nachvollziehbar, denn wer möchte schon bei sengender Hitze Betonschwellen austauschen? Auch Eisdielenbetreibern, Bademeistern und Heizöllieferanten will ich gerne zugestehen, dass diese Stände bestimmte Monate als angenehm, andere wiederum als eher unangenehm einstufen. Doch dass die Mehrheit der Bevölkerung, die heutzutage gar nicht mehr auf dem Feld, im Bergbau, auf zügigen Dampflokomotiven oder als Politesse auf windigen Straßenkreuzungen ausharren muss, ausgerechnet den November als scheußlich empfindet, wirft bei mir die Frage auf, ob daran wirklich nur der elfte Monat Schuld ist, oder es möglicherweise auch an den Leuten selbst liegt, wenn sie sich dem November so hilflos ausgeliefert sehen. ...mehr