Die Lindenberger Freitaste - Notizen über den Eisenbahnerhorizont hinaus
 

LF1 - Der November

Die zwölf Monate unseres Kalenderjahres genießen bei den meisten Menschen sehr unterschiedliche Sympathien. Sofern es sich bei ihnen um Hochseefischer, Friedhofsgärtner oder Gleisbauarbeiter handelt, also um Leute, die berufsbedingt direkt der Witterung ausgesetzt sind, ist das für mich durchaus nachvollziehbar, denn wer möchte schon bei sengender Hitze Betonschwellen austauschen? Auch Eisdielenbetreibern, Bademeistern und Heizöllieferanten will ich gerne zugestehen, dass diese Stände bestimmte Monate als angenehm, andere wiederum als eher unangenehm einstufen. Doch dass die Mehrheit der Bevölkerung, die heutzutage gar nicht mehr auf dem Feld, im Bergbau, auf zügigen Dampflokomotiven oder als Politesse auf windigen Straßenkreuzungen ausharren muss, ausgerechnet den November als scheußlich empfindet, wirft bei mir die Frage auf, ob daran wirklich nur der elfte Monat Schuld ist, oder es möglicherweise auch an den Leuten selbst liegt,
wenn sie sich dem November so hilflos ausgeliefert sehen.

Ich habe gelegentlich den Eindruck, der moderne Mensch scheint, sobald die Natur für ihn keine Angebote zur attraktiven Freizeitgestaltung auf dem Silbertablett parat hält, sobald er nicht nach Herzenslust campen, surfen oder Skilaufen kann, kaum noch in der Lage zu sein, die notwendige Fantasie aufzubringen, auch außerhalb dieser Klischees etwas Freude am Leben zu gewinnen. Ob der Einzelhandel dieses Defizit lediglich erkannt, oder durch jahrelanges Verabreichen entsprechender Angebote gar forciert hat, mag an dieser Stelle einmal dahingestellt bleiben. Mit verkaufsoffenen Sonntagen, Billigflügen nach Honolulu und halbstündlichen Geldverlosungen zwischen den Werbeblöcken privater Rundfunksender versteht man es aber offenbar perfekt, auch aus dem November noch gehörig Profit zu schöpfen.

Dabei ist dieser Monat meines Erachtens für unseren Lebensrhythmus außerordentlich wichtig. Wir müssen doch wenigstens einmal im Jahr zur Ruhe kommen, einmal im Jahr nicht nur aus uns heraus, sondern auch einmal in uns hinein schauen, uns einmal im Jahr mit dem Tod auseinandersetzen, einmal im Jahr neue Kraft schöpfen, um die folgenden elf Monate wieder aufrechten Ganges durchschreiten zu können. Ein leergefegter Strand, Nebel und Nieselregen, die letzten Laubblätter an unseren Eichen, oder leise Musik zu einem guten Buch können ideale Voraussetzungen sein, sich vorübergehend einmal mit diesen und weiteren wichtigen Fragen zu befassen. Aber nur vorübergehend, denn zum November gehört schließlich auch die Gewissheit, dass wenige Wochen nach ihm die Tage schon wieder länger werden…