Die Lindenberger Freitaste - Notizen über den Eisenbahnerhorizont hinaus
 

LF2 - Kann denn Sparen Sünde sein ?

Kann denn Sparen Sünde sein? In öffentlichen wie nichtöffentlichen Diskussionen ist Sparen stets in aller Munde. Von „Sparkurs“ ist da die Rede, von „Sparmaßnahmen“ und vom „Sparen am falschen Ende“. Doch Sparen scheint in den Augen der Leute nix Gutes zu bedeuten. Obwohl sofort losgerannt wird, wenn Budni oder Kloppi das Konsumvolk mit Billigangeboten in ihre Läden lockt. Dorthin zu rennen hätten sich die meisten jedoch sparen können, denn sie haben den gravierenden Unterschied zwischen rationalem und gefühltem Sparen verkannt. Meine Oma hat immer gesagt, sie könne sich Billiges nicht leisten. Sie bestellte nichts bei Queckermann und nichts bei Nelle, sie sparte sich einfach reich.

Sparen wird allzu oft darauf reduziert, für eine Ware oder eine Dienstleistung möglichst wenig auszugeben. Das ist falsch. Sparen bedeutet vielmehr, mit vorhandenen Ressourcen - nicht nur mit Geld, sondern mit allen anvertrauten Werten - so sorgsam wie möglich umzugehen. Nur so kann sichergestellt werden, dass der Zugriff auf diese Werte langfristig sichergestellt ist. Und zwar nicht nur für unsere, sondern auch für die uns nachfolgenden Generationen. Will heißen, Sparen muss im Kontext gesehen werden zwischen einem bewussten Vermeiden sinnlosen Aufbrauchens von Ressourcen und der damit erworbenen Option, auf diese auch später noch zurückgreifen zu können. Sparen ist demzufolge nichts anderes, als das Gegenteil von Verschwenden.

Eine geläufige Redewendung lautet: „Ich muss sparen!“, oder im Plural: „Wir müssen sparen!“. Tja, wer erst ans Sparen denkt, wenn sich die Ressourcen dem Ende neigen oder gar aufgebraucht sind, wer also situationsbedingt sparen muss, hat sich - Ausnahmen werden diese Annahme bestätigen - womöglich selbst in seine Lage hineinkatapultiert. Das kommt davon, wenn materielle Ansprüche den Maßstab des Konsums festlegen und man sich auch noch von Trends, Werbeslogans und schielenden Blicken auf des Nachbars Wohlstand manipulieren lässt. Das kann nur in die Pleite führen. Respekt vor denen, die dann noch die Kurve kriegen.

Ergo: Sparen sollte man nicht müssen, sparen müsste man wollen und können! Es bedarf zum Sparen des Willens und der Fähigkeit. Keine Frage, man muss aufpassen, durch den Überfluss unserer Wohlstandsgesellschaft nicht sparblind zu werden. Das ist wie mit der Klopapierrolle, die zu Anfang nicht dünner wird, wenn man eineinhalb Meter von ihr abwickelt. Erst wenn sie ist schlank geworden ist, werden die Blätter abgezählt. Der Einzelhandel kennt dieses Phänomen und füllt seine Regale stets nach, sobald ein paar Artikel entnommen wurden. Das suggeriert Überfluss und verleitet zum  Verschwenden.

Was nun gar nicht geht, ist Kaputtsparen. Es gibt nur Heilsparen, und Kaputtverschwenden. Demzufolge wird unsere Eisenbahn nicht kaputtgespart, sondern kaputtverschwendet worden sein. Hätte die Bahn 1994 nach ihrer vollständigen Entschuldung konsequent gespart, wäre sie heute reich. Nicht Sparen, sondern Nichtsparen ist nämlich Sünde. Verstanden?