Die Lindenberger Freitaste - Notizen über den Eisenbahnerhorizont hinaus
 

LF1 - Der Lokführerberuf

Über den Lokführerberuf ist schon viel geredet und geschrieben worden. Der Feder und des Mundwerks bedienten sich dabei sowohl Lok- als auch Nichtlokführer. Neben persönlichen Erlebnisschilderungen, sozialwissenschaftlichen Expertisen, arbeitsrechtlichen Studien und bahnpsychologischen Analysen, deren geistiger Nährwert hier gar nicht in Frage gestellt werden soll, gab und gibt es dann und wann zu offenbar gegebenen Anlässen auch schon einmal den einen und anderen eher unqualifizierten Kommentar. Die Mann-Agerin Margot Pedale (Name geändert, die Red.) posaunte zum Beispiel vor geraumer Zeit öffentlich hinaus, die Anforderungen an unsere Lokführerinnen und Lokführer seien heutzutage im Gegensatz zur Dampflokzeit vergleichsweise gering und verdienten demzufolge keine besondere tarifvertragliche Würdigung. Sie glaubte es wissen zu müssen, nachdem sie hier und da schon einmal ein Stündchen in klimatisierten Führerräumen zugebracht und dabei dieser und jener (womöglich zuvor sorgfältig auserwählten) Fachkraft über die Lokführerschulter geschaut hatte.

Zur Ehrenrettung der Pedale muss allerdings eingeworfen werden, dass derartige Eindrücke durchaus aufkeimen können, wenn Momentaufnahmen voreilig als repräsentativ eingestuft werden. Doch wie schnell können sich durch solch tragische Irrtümer völlig verzerrte Bilder über Verkäuferinnen, Landärzte, Berufsschullehrer oder gar mit höchsten Orden ausgezeichnete Arbeitsdirektorinnen einbrennen? Nein, wer sich vom Lokführerberuf ein annähernd realistisches Bild verschaffen will, muss mehr investieren, als uns ein Stündchen im Führerraum zu begleiten. Der sollte schon den Aufwand treiben, eine oder einen unserer Zunft vom spätnachmittaglichen aus dem Haus gehen bis zur frühmorgendlichen Heimkehr bei einer durchschnittlichen Dienstschicht ununterbrochen zu begleiten. Besser noch: vom Ende einer dienstplanmäßigen Ruhe bis zum Beginn der nächsten Auszeit, oder noch besser: vom letzten Urlaubstag bis zum ersten darauf folgenden. Doch wer dazu bereit ist, kann sich auch gleich zum Vorstellungsgespräch anmelden und hoffen, die Testreihe nonstop vom Berufseinstieg bis zur Pensionierung durchzustehen. Genau das hat (sich) der Herausgeber vor gut 30 Jahren beim Bahnbetriebswerks Flensburg (an-) getan und nimmt mittlerweile für sich in Anspruch, über den Lokomotivführerberuf ein klein wenig mitreden zu können. Auch hier in der „Lindenberger Freitaste“.

Wer jetzt allerdings eine Salve von Klagen über familienfeindliche Dienstpläne, gesundheitliche Beeinträchtigungen und schlechte Bezahlung erwartet, wird sich eines Besseren belehren lassen müssen: Auf seinen Beruf lässt der Herausgeber nämlich nix kommen! Keine Frage, dieser Beruf ist mit Problemen und Risiken behaftet und stellt tagtäglich neue Herausforderungen an uns Fahrensleute. Unter anderem deshalb ist es aber ein sehr anspruchsvoller Beruf, der seine interessanten, mithin schönen Seiten hat. Weil gerade wieder einmal Weihnachten vor der Tür steht, soll eine dieser Seiten mit einer kleinen Adventsgeschichte aus dem Jahr 2004 beleuchtet werden. Sie spielte sich tatsächlich wie beschrieben ab...